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Hartmut Fischer
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Dr. Gerhard Knospe
Dr. Gerhard Knospe

Albert Dorner
Albert Dorner

Elfi Krakowetz
Elfi Krakowetz

Petra Theil
Petra Theil

Martin Leonberger
Martin Leonberger

Dirk Müller
Dirk Müller
07.02.2012
Baustelle Schulbildung

Baden-Württemberg nimmt Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem. In den kommenden Jahren wird die Gemeinschaftsschule im Südwesten vorangetrieben. Statt der Sortierung in die Schubladen Hauptschule, Realschule und Gymnasium sollen in ihr alle Schüler von Klasse fünf bis zehn gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert werden.

Baustelle Schulbildung

Die neue grün-rote Landesregierung begründet die neue Richtung vor allem mit der Absicht, die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Schulerfolg zu durchbrechen. Nach einer im Juni vergangenen Jahres veröffentlichten Studie, ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, für Akademiker-Kinder im Südwesten 6,6-mal so hoch wie für Facharbeiterkinder. Eine Benachteiligung von Kindern bildungsferner Eltern soll mit der Gemeinschaftsschule reduziert werden. Auf der anderen Seit stehen die Bedenken vieler Bürger, Schulleiter, Eltern, Entscheidungsträger, -. Gemeinschaftsschule bedeutet auch, drei bis vier Mal die Woche den ganzen Tag Schule. Dies wiederum setzt eine Mensa voraus, ausreichend Räumlichkeiten und Lehrkräfte, die eben auch von Klasse fünf bis mindestens zehn unterrichten können. Und das wiederum bedeutet höhere Kosten als bisher. Stellt sich die Frage, ob das alles für die Gemeinde Deizisau umsetzbar ist. Auf der anderen Seite soll der Schulstandort in Deizisau gehalten werden - möglicherweise wäre dies mit Verzicht auf eine Gemeinschaftsschule schwierig.

Am Dienstag, 7. Februar, widmete sich eine gemeinsame Veranstaltung der Freien Wählergemeinschaft Deizisau und des CDU-Gemeindeverbandes Deizisau dem Thema Gemeinschaftsschule. Unter dem Titel "Baustelle Schulbildung" lockte die Informationsveranstaltung zahlreiche Besucherinnen und Besucher in die Gaststätte Ochsen. Der FWG-Vereinsvorsitzende Dr. Gerhard Knospe begrüßte alle Anwesenden, Herrn Bürgermeister Matrohs und die beiden Referenten Georg Wacker, Mitglied des Landtags und bildungspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion sowie Martin Klein, Schulrektor und FWG-Kreisrat, Mitglied im Kultur- und Schulausschuss des Kreistages. Dr. Gerhard Knospe verdeutlichte zunächst die Brisanz der Thematik Gemeinschaftsschule und lobte auch die derzeitige Situation in Deizisau. Mit einer eigenen Bildungskoordinatorin, dem "Runden Tisch Bildung", dem Patenprojekt, der Kernzeitbetreuung und auch dem Engagement der Verwaltung wie beispielsweise bei der kürzlich veranstalteten Bildungsmesse ist Deizisau bereits heute gut aufgestellt. Umso wichtiger ist es daher, für die Grund- und Werkrealschule Deizisau die richtige Entscheidung mit Blick auf die Zukunft zu treffen. Auch mit Blick auf die wegfallende bindende Grundschulempfehlung. Im Frühjahr 2012 soll das Schulgesetz so geändert werden, dass Kommunen Gemeinschaftsschulen beantragen können. Diese, für uns in Baden-Württemberg neue Schulform, wirft viele Fragen auf. Wie kann der Schulstandort Deizisau gestärkt werden und zukunftsfähig bleiben?

Georg Wacker begann mit seinen Ausführungen und räumte gleich zu Beginn ein, dass die gesellschaftliche Entwicklung eine Reaktion im Bereich Bildung und eine besondere Aufgabenstellung mit sich bringt. Er machte aber auch kein Geheimnis darum, dass er viel vom derzeitigen differenzierten Schulsystem hält und betonte, dass sich jedem Schulabgänger - ganz gleich ob von der Haupt-, Real-, Werkrealschule oder vom Gymnasium - eine Anschlussperspektive bietet. Zwar gebe es im internationalen Vergleich positive Beispiele für Gemeinschaftsschulen, aber dies könne nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen werden. Eines sei aber auch klar, da im Jahr 2020 etwa 20 Prozent weniger Kinder in Baden-Württemberg eingeschult werden, werden sicherlich zahlreiche Schulstandorte in Frage gestellt werden. Wacker warnte davor, dass dadurch ein Kampf zwischen benachbarten Schulen entstehen könne. Kleine Schulstandorte werden wohl kaum in der Lage sein, ein Gemeinschaftschul-Angebot mit Gymnasialem Zug anbieten zu können. "Das differenzierte Schulsystem sollte sicherlich weiterentwickelt werden, aber nicht komplett über den Haufen geworfen werden", betonte Wacker abschließend.

Anschließend begann Martin Klein seine Ausführungen. Der Rektor der Albert-Schweitzer Schule (ASS) in Denkendorf berichtete auch aus seinem praktischen Schulalltag - er ist Leiter von Grund- Haupt- und Realschule. Eine Prognose sei schwer möglich, denn seit Beginn des Preußischen Schulsystem gebe es zahlreiche Entwicklungen. Einiges sei aus der damaligen Zeit aber auch noch erhalten geblieben. Auch Klein griff die Problematik des demografischen Wandels auf. Für den Landkreis Esslingen werden die Schulanfänger bis 2020 zwar "nur" um etwa zehn Prozent zurückgehen, fehlen werden Schüler aber dennoch. Vor allem Hauptschulen hätten Probleme genügend Schüler zusammenzubekommen. Von 2009 bis 2011 hatte die Hauptschule der ASS in Denkendorf beispielsweise einen Rückgang von 25 auf 17 Schüler in Klasse 5 zu verzeichnen. Für eine Schulklasse sind 16 Schüler notwendig. Daher bestehe laut Klein auch die Gefahr, dass künftig Jahrgangsübergreifend unterrichtet wird. Generell begrüße er Gemeinschaftsschulen (GS), allerdings müssen die Voraussetzungen gegeben sein. Sind z.B. Gymnasiale Züge nicht integriert, so bestehe die Gefahr, dass GS zu Restschulen verkommen. GS werden sich nur schwer behaupten können, wenn in unmittelbarer Nähe Realschulen und Gymnasien sind. So eine Gefahr besteht sicherlich auch für Deizisau in Verbindung mit dem Schulstandort Plochingen. Klein betonte, dass das Schulsystem durch ständige Reformen nicht überfordert werden dürfe. Denn "Schule braucht Verlässlichkeit". Im Anschluss an die beiden Vorträge wurde reg über die Schulentwicklung diskutiert - letztlich müsse jede Kommune selbst entscheiden. Sicherlich können Schulstandorte kleinerer Kommunen durch Stärkung der Primarstufen gefestigt werden. Das Thema Bildung war in der Vergangenheit eine Herausforderung, ist es heute und wird es auch in Zukunft bleiben. In Bezug auf die GS blieben zwar viele Fragen offen, aber in einem Punkt sind sich alle einig: Sich bietende Chancen sollte die Gemeinde Deizisau ergreifen, aber gleichzeitig Risiken für alle Beteiligten - vor allem Schüler und Schulstandort - in Grenzen halten.

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